Predigtarchiv

Predigt am 17. Juli 2022 (5. Sonntag nach Trinitatis) zu 1. Mose 12, 1-4

Von Pastor Gerd Peter

Aufbrechen, einen neuen Weg einschlagen – das ist ein Thema, das in der Bibel häufig auftaucht. Wir haben als Evangeliumslesung die Erzählung von Petrus gehört, der aufgefordert wird, nach einer erfolglosen Nacht noch einmal aufzubrechen. Dieser Aufbruch war von großartigem Erfolg gekrönt. Und am Ende der Erzählung steht die Aufforderung Jesu zu einem viel tiefgreifenderen Aufbruch: „Lass deine Netze zurück und folge mir nach! Verlass dein bisheriges Umfeld und lass dich auf mich und auf meine Sache ein!“ 

Als Predigttext möchte ich eine weitere Aufbruchsgeschichte lesen. Sie steht im Alten Testament, ziemlich am Anfang der Bibel, und erzählt von Abraham ... 
Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. 

Wie mag Abraham das erlebt haben, dieses Sprechen Gottes zu ihm, diese auffordernden Worte, den Aufbruch zu wagen? War es ein Traum? War es das Ergebnis langer Grübeleien? War es eine spontane Eingebung? Vielleicht war Abraham aber auch nur an einen Punkt in seinem Leben gekommen, wo ihm klar wurde: „So wie bisher kann es nicht weitergehen. Die Zukunft sieht anders aus, als das, was ich bisher kannte.“ Und in dieser Klarheit sah er Gott am Wirken, dem er sich bislang anvertraut hatte, und dem er auch weiterhin vertrauen wollte. 

Während in Abraham der Entschluss reifte, den Aufbruch zu wagen und sich auf einen neuen, unbekannten Weg zu machen, mag er auch viele innere und äußere Widerstände zu überwinden gehabt haben. Ob seine Familie sofort einverstanden war? Ob Nachbarn und Verwandte ihn nicht für verrückt erklärt haben? Ob er sich in seinem bereits weit fortgeschrittenen Alter dieses Abenteuer noch zutraute? Am Ende überwiegt das Zutrauen in die Zusage Gottes: „Ich werde dir Weg und Ziel zeigen. Ich werde dich mit meinem Segen begleiten. Ich werde dafür sorgen, dass du selbst zum Segen für andere Menschen wirst.“ Im Vertrauen auf die Verheißung Gottes bricht Abraham auf.

Auf der Gemeindeversammlung vor drei Wochen wurde deutlich, dass wir als Kirchengemeinde an einem ähnlichen Punkt angekommen sind wie Abraham. Die bisherigen Planungen für den Neubau einer KiTa und eines Gemeindezentrums lassen sich so nicht realisieren. Die Grundentscheidungen und Überlegungen der letzten Jahre, die dem Architektenwettbewerb und den Planungen zugrunde lagen, sind durch die jüngsten Entwicklungen fragwürdig geworden. Pandemie, Förderstopp und Krieg in Europa haben den beschrittenen Weg abrupt mit einem Schlagbaum versperrt. Ob er je wieder geöffnet wird, kann im Augenblick niemand vorhersagen. 

In dieser Situation höre ich heute die Worte der Heiligen Schrift. Ich höre die Aufforderung zum Aufbruch, wie sie Petrus und Abraham vernommen haben. Ich höre auch die Worte der Verheißung: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein! Petrus wusste nicht, was ihn erwarten würde, als er am helllichten Tag noch einmal die Netze auswarf. Abraham wusste nicht, wer und was alles ihm begegnen würde, als er, ohne ein klares Ziel vor Augen zu haben, aufbrach und alles, was er von Kind auf kannte, hinter sich ließ. Auch wir stochern z. Zt. im Dunkeln und wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Aber als Kirchengemeinde haben wir nichts zu verlieren, wenn wir diese Situation jetzt nutzen, um uns von altbekannten Bildern, wie Kirche zu funktionieren hat, zu verabschieden und neue Bilder zu entwickeln. Noch sehe ich diese neuen Bilder nicht klar vor mir. Aber ich will darauf vertrauen, dass Gott auch uns hier in Stöcken auf dem Weg begleitet und neue Bilder vor unseren Augen entstehen lässt. Ich will darauf vertrauen, dass wir seinen Segen erfahren werden, auf den Wegen, von denen wir noch nicht wissen, wohin sie uns führen. Und dass wir als Kirchengemeinde – gerade in dieser ungewissen und manchmal auch bedrückenden Situation – anderen Menschen zum Segen werden.

Die Aufforderung zum Aufbruch höre ich aber auch noch in anderer Weise. Während allenthalben die Forderung nach Lieferung von schweren Waffen in die Ukraine ertönt, höre ich die Aufforderung, in das Land des Friedens aufzubrechen. Zu sehr misstraue ich den moralischen Argumenten, die der Westen ins Feld führt, um Öl ins Kriegsfeuer zu gießen. Es ist immer noch derselbe Westen, der vor gar nicht langer Zeit im Irak einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg geführt hat, ohne sich jemals selbstkritisch zu diesem Rechtsbruch zu bekennen und entsprechend Verantwortung zu übernehmen. So sehr ich den russischen Angriffskrieg in der Ukraine verurteile, so wenig glaube ich daran, dass Frieden durch Waffen zu erlangen ist. Waffen töten Menschen. Und jeder Kriegstote, egal auf welcher Seite, schürt Hass. Gott ruft uns auf, die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen und alle Konsequenzen auf uns zu nehmen, die der Gewaltverzicht nach sich zieht.

Als Mahatma Gandhi seinerzeit zu gewaltfreiem Widerstand gegen die Kolonialmacht aufrief, war es ein gewagter Aufbruch in unbekanntes Neuland. Das war kein Spaziergang, sondern ein steiniger Weg durch Dornen und Gestrüpp, aber er führte zum Frieden. „Ich will euch segnen und ihr sollt ein Segen sein!“ Diese Verheißung Gottes gilt nicht den Feldherren und nicht den Soldaten, die die Haubitzen abfeuern, egal auf welcher Seite. Sie gilt denen, die die alte biblische Friedensvision umsetzen und aus Schwertern Pflugschare schmieden. 

Von Abraham hören wir, er sei 75 Jahre alt gewesen, als er aufbrach aus den vermeintlichen Sicherheiten seiner gewohnten Umgebung. Glaube macht mobil, auch im hohen Alter. Davon will ich mich anstecken lassen! Denn diese Mobilität werden wir brauchen, damit auch die noch nicht Geborenen eines Tages auf dieser Erde leben und sich als Gesegnete erfahren können.